DAS, WAS MIR FOLGT
Mit jedem Schritt folgt es mir,
still und schweigend hinter mir.
Nie geht es voran, nie bleibt es zurück,
es folgt jedem Schritt, jedem Weg, jedem Stück.
Wenn ich mich beuge,
beugt es sich mit,
als würde es vor einer Kirchenbank
ehrfürchtig sein Haupt senken
und schweigend knien.
Wenn ich mich aufrichte,
streckt es sich empor,
wächst über den Boden hinaus
und wird zu einem dunklen Wesen,
das seine Arme gen Himmel verlor.
Ich drehe mich um –
doch niemand ist da.
Nur schweigende Straßen,
nur leere Luft,
nur die Stille, die immer schon war.
Ich gehe einen Schritt,
und es geht einen mit.
Ich ändere die Richtung,
und es folgt jedem Tritt.
Als könnte es meine Gedanken lesen,
als wüsste es, wohin ich will,
als würde es mir wortlos versprechen:
„Ich bleibe bei dir.“
Durch goldenen Sonnenschein
wandert es mit mir.
Durch Regen und Nebel
bleibt es hier.
Laufe ich schneller,
eilt es mir nach.
Bleibe ich stehen,
wartet es wach.
Doch wenn die Nacht
das letzte Licht verschlingt,
ist es plötzlich fort –
als hätte die Dunkelheit
es selbst verschlungen.
Dann kommt der Morgen,
ein erster Strahl bricht herein,
und dort zu meinen Füßen
ist es wieder mein.
Was ist dieses unheimliche Wesen,
das ich ständig bei mir trage?
Ein Geist aus vergessenen Tagen?
Ein Schatten einer alten Klage?
Vielleicht etwas,
das sich im Dunkeln versteckt,
mich schweigend beobachtet,
mich niemals erschreckt –
und doch niemals von mir weicht.
Ich drehe mich noch einmal um.
Ich suche nach dem Ungeheuer.
Nach dem Geist.
Nach dem Fremden,
der mir folgt.
Doch da ist niemand.
Nur ich.
Und dann sehe ich es.
Nicht hinter mir.
Nicht vor mir.
Unter mir.
Plötzlich verstehe ich.
Die ganze Zeit
habe ich vor dem Falschen gesucht.
Ich dachte, etwas würde mich verfolgen.
Ich dachte, etwas Dunkles wäre hinter mir.
Ich dachte, ich müsste irgendwann
vor ihm davonlaufen.
Doch wie könnte ich ihm entkommen?
Es kennt jeden meiner Schritte.
Es kennt jede meiner Bewegungen.
Es folgt mir durch jedes Licht
und wartet in jedem Schatten.
Denn es ist kein Monster.
Kein Geist.
Keine verlorene Seele.
Es ist ein Teil von mir.
Mein dunkles Abbild.
Meine stille zweite Gestalt.
Das, was bleibt,
wenn das Licht mich berührt.
Ich renne –
und es rennt.
Ich falle –
und es fällt.
Ich schweige –
und es schweigt.
Ich lebe –
und es lebt mit mir.
Jetzt weiß ich,
warum es niemals von meiner Seite weicht.
Weil es gar nicht hinter mir ist.
Es ist ein Teil von mir,
den das Licht sichtbar macht.
Ich blicke hinunter.
Da liegt es –
still, dunkel,
geduldig wie immer.
Und zum ersten Mal
habe ich keine Angst.
Ich lächle.
Denn manchmal glauben wir,
dass etwas Dunkles uns verfolgt.
Doch vielleicht ist es gar kein Fremder.
Vielleicht ist es nur
der Teil von uns selbst,
den wir im Licht
nicht länger verstecken können.
Mein Schatten.
Mein dunkler Begleiter.
Meine eigene Dunkelheit,
die mir überallhin folgt.
Und plötzlich begreife ich:
Ich bin nicht derjenige,
der seinem Schatten folgt.
Er folgt mir,
weil er zu mir gehört.
- BE READ BY SAM TUMBLIN
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